Sonntag, 23. Oktober 2011

E-Gitarre: Fryette Sig:X 100 Watt Head


von Michael Fendt:
Steve Fryette ist den Meisten, wenn überhaupt, bekannt als Macher der FirmaVHT Amplification, einer amerikanischen Verstärker-Schmiede ansässig an der Westküste der USA. Schon seit rund zwanzig Jahren im Geschäft, ist die Philosophie immer noch „keep it simple“ oder „less is more“. Somit war der Grundsatz gelegt, und alle bis heute gebauten Verstärkermodelle sollen den Sound, sprich die Individualität des einzelnen Spielers, "durchklingen" lassen.
Mit der Erfahrung der letzten zwei Jahrzehnte, entschloss sich Steve Fryette, zum 1. Januar 2009 seine Firma in Steve Fryette Design umzubenennen. Der schon 1989 entwickelte Pitbull Classic war wohl einer, wenn nicht der erste echte Dreikanal-Röhrenamp, der auf dem Markt erschien. Und genau auf dieser Technologie baut der hier im AMAZONA.de-Test zu besprechende Fryette Sig:X (G100SX) auf. Sig:X steht für „Your Signature-Amp“, also ein Verstärker, der mit seinen facettenreichen Einstellmöglichkeiten jedermanns eigener „Signature- Amp“ sein könnte. Wenn das mal nicht neugierig macht!



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Konstruktion/Lieferumfang
Im klassischen Schwarz präsentiert sich das Topteil kurz nach dem Auspacken. Weniger ist mehr, fällt mir dazu ein. Das Design ist sehr einfach und geschmackvoll gehalten. Der Kunstleder-Überzug ist gut verarbeitet und mit dünnen Plastik-Eckschonern versehen, die zwar gut aussehen, aber wahrscheinlich nicht ganz so stabil sind und weniger gut Transportstöße abfangen können wie andere aus Metall oder dickerem Hartplastik. Der Sig:X steht fest auf vier großen Gummifüßen und ist mit einem stabilen, gut zu greifenden Gummigriff versehen. Die Verarbeitung ist generell top! Die schicken Potis haben eine gute Haptik, und die Mini-Toggle-Switches sprechen auch für Qualität. Zum Lieferumfang gehört noch ein Fünffach-Fußschalter aus Metall mit fest installiertem Kabel, eine deutsche Bedienungsanleitung und ein Kaltgerätestecker, that's it.
Für einen 100 Watt Vollröhrenverstärker ist der Fryette mit den Maßen von 74,3 x 24,1 x 26,7 cm in der üblichen Größe, und mit 24 kg, was das Gewicht betrifft, auch eher im Mittelfeld angesiedelt.
Wie es bei den meisten Röhrenverstärkern so ist, hat der Amp einen Power- und einen Standby-Schalter. Hier wird empfohlen, nach Betätigen des Powerschalters mindestens sechzig Sekunden zu warten, bis der Standby-Schalter aktiviert wird, um die Lebensdauer der Röhren zu verlängern. Für manche ein alter Hut, doch für den einen oder anderen Einsteiger doch auch mal wichtig zu hören. Wie schon in der Einleitung erwähnt, bekommen wir hier drei Kanäle geboten: einen Clean-Kanal, einen Rhythm-Kanal und einen Lead-Kanal. Alle drei verfügen über eine klassische Dreiband-Klangregelung mit Treble/Middle/Bass, über eine Boost-Funktion und jeweils (!) eine Schaltmöglichkeit von 40 auf 100 Watt Leistungsabgabe.




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Beim Clean-Kanal gibt es neben dem Volume- und dem Dreiband EQ-Reglern noch zwei weitere, einen für Presence (regelbarer Höhengehalt der Gegenkopplung in der Endstufensektion) und einen Depth-Regler, welcher auch der Endstufe noch tiefe Frequenzen hinzufügt. Vier Mini Toggle-Switches sorgen für Nuancen in der Klangreglung. Hiermit kann man noch vor dem Volume-Regler die Klangcharakteristik des Kanals bestimmen. Die Voicings gehen von FAT undOPEN bis zu SPANKBRITE und BLOOM. Der Boost ist per Hand und Pedal schaltbar, und der Powershift, wie schon bereits erwähnt, gibt einem die Möglichkeit, zwischen 100 oder 40 Watt Ausgangsleistung zu wählen.

Der Lead- und der Rhythm-Kanal weisen im Grunde fast die gleichen Einstellmöglichkeiten auf. Jeweils eine Dreibandklangreglung Treble/Middle/Bass sowie einen Master-Regler, der für die Kanal-Lautstärke und die Lautstärke am Effekt Loop-Ausgang zuständig ist. Wie auch beim Clean-Kanal finden wir auch hier einen Presence- und Depth-Regler. Die Besonderheit bei dem Sig:X sind wohl die beiden Gain- Regler pro Kanal. Gain I /Voicing ist die zweite Verstärkungsstufe und regelt den Verzerrungsgrad und das Verhältnis der Tiefmitten zu den Höhen,Gain II bestimmt die Übersteuerung in der dritten Verstärkerstufe, und im Grunde ist das auch der Boost, den man somit regelbar über den Fußschalter aktivieren kann. Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als ob es nur für den Lead Kanal einen Presence-Regler (respektive nur für den Rhythm-Kanal eine Depth-Regler) gibt, funktionieren beide Regler für beide Kanäle.







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Die Minitoggle Switch-Sektion bietet jeweils einen Scoop/Wood Schalter, einen Powershift (wie beim Clean Kanal schaltbare 100/40 Watt, Boost/Norm, um die Boostfunktion zu aktivieren oder zu deaktivieren) und einen Gain-Schalter, bei dem man zwischen "More" und "Less" wählen kann. Als ob das nicht genug wäre, kommt für den Lead- und den Rhythm-Kanal jeweils noch ein Voicing-Schalter dazu, mit dem man Klangfarben wählen kann. Für den Lead-Kanal gibt es das Voicing BROWN, vorgeschlagen für einen Solosound im mittleren Verzerrungsgrad mit viel Sustain, BRIT für die Betonung der oberen Mitten und BLOW, ähnlich wie bei BRIT, mit einer zusätzlichen Betonung der unteren Mitten. Beim Rhythm-Kanal wird unterschieden zwischen VINTAGE, einer runden und warmen Grundstimmung für eher wenig bis mittelstarke Verzerrung, LIVE, etwas lebhafter als die Vintage Einstellung (Vorschlag für etwas grobkörnige Clean-Sounds oder bluesige Sounds mittleren Gains), sowie BURN, ähnlich wie beim Lead-Kanal mit etwas mehr unteren Mitten. 
Die Rückseite birgt auch noch ein paar Möglichkeiten: Neben den Boxen-Anschlüssen von 16 über 8 bis 4 Ohm bietet die Effekt Loop-Sektion alles, was man sich nur wünschen kann. Von der seriellen und parallelen Einschleifmöglichkeit, der Option auf Multi-Amping bis zur direkten Weiterleitung der Vorstufe zu einem Aufnahmegerät oder einer anderen Endstufe. Man kann sogar den „EFFECTS“-Schalter auf der Fußleiste für eine Lautstärkenanhebung nutzen, auch wenn gar kein Effektgerät angeschlossen ist. Regeln kann man das über das Level-Poti. Der GROUND-Schalter hat bei einem ordnungsgemäß geerdeten Euro-Netzkabel mit Schukostecker keine Auswirkung, er ist somit für europäische Geräte nicht installiert.
Neun Röhren kommen beim Fryette Sig:X zum Einsatz, eine 12AX7 und fünf12AX7A für die Vorstufenschaltungen, zwei KT88 für die Endstufe und eine 5U4GGleichrichterröhre.



Praxis
Soweit klingt das alles nach einer „eierlegenden Wollmilchsau“, wenn man mal von der fehlenden MIDI-Fähigkeit absieht. Aber sind wir mal ehrlich: Die Sparte Gitarrist, die sich für diesen Amp interessiert, verzichtet meistens auf solche Optionen, zumal schon ausreichend Sound- und Einstellmöglichkeiten geboten werden. Im Proberaum fand der Sig:X Platz auf einer 4x12" Marshallbox mit "Greenbacks"-Bestückung. Was mir leider schon vor dem ersten Ton negativ auffiel ist, dass die Poti-Anzeige bei etwas schummerigen Licht (nicht unüblich auf Bühnen respektive in Proberäumen) schwer zu erkennen ist und man eher erahnen muss, welche Einstellung man gerade spielt. Na ja, eigentlich sollte da das Gehör entscheiden. Wie auch immer, die Wolke über uns löste sich ziemlich rasch wieder auf, nachdem ich den Standby-Schalter betätigte. Gleich zu Beginn kam mir ein direkter und brillanter Clean-Sound entgegen. Der Sig:X reagiert sehr dynamisch und übersetzt das Spiel ehrlich. Auch wenn man jetzt Vergleiche wieEngl oder auch Fender heranziehen könnte, hat das Fryette-Topteil definitiv seinen Charme und besticht auch durch diese Eigenständigkeit. Die EQs reagieren gut und bedienen genau das Spektrum, in der eine Gitarre klingen sollte. Auch die optionalen Einstellmöglichkeiten über die Minitoggle-Switches färben den Sound zwar nur in Nuancen, aber dennoch immer zum Vorteil, und man bekommt eine schöne Bandbreite an Soundvariation.

Relativ nahtlos passen sich der Rhythm- und der Lead-Kanal an. Hier geht es von Bluesy zu AC/DC, über Punkrock bis hin zu Metal-Sounds, wie auch schon beim Clean-Sound ehrlich, brillant und dynamisch. Ok, man sollte schon damit umgehen können, da der Amp einiges an Klangvariation bietet und das nicht nur beim Drehen und Schalten, sondern auch wie man spielt. Dennoch findet man sich schnell zurecht. Was mir besonders gut gefällt ist, dass der Fryette, auch wenn er sich sinnvoller Weise an oft herangezogenen Soundreferenzen orientiert, doch einen eigenen Charakter besitzt. Die Möglichkeiten sind schon fast zu viel des Guten: drei Kanäle zum Schalten, jeden einzelnen kann man boosten und wenn man möchte noch über den Effect-Taster in der Lautstärke anheben. Wem das noch nicht genug ist, reagiert er auch noch sehr gut auf einen vor geschalteten Tubescreamer oder auf das Arbeiten mit dem Volumen-Poti der Gitarre. Was will/kann man mehr von einem Vollröhrenamp erwarten? Ich finde die wichtigsten Disziplinen, die ein Verstärker dieser Gattung erfüllen sollte, meistert der Fryette Sig:X mit Bravour und sucht nebenbei noch seinen Vergleich.

Fazit

Sehr gut, Steve Fryette! Mit dem Fryette Sig:X (G100SX) bekommt man einen sehr variablen Drei-Kanaler, der sich in der Riege der Vollröhren-Amps im Preissegment um die 2000,- Euro in keinster Weise verstecken muss. Die Idee, das Konzept und die Umsetzung hat alles Hand und Fuß. Man merkt, spürt und hört, wie viel Liebe zum Detail und Erfahrung in die Produktion dieses Amps mit eingeflossen sind. Am Ende steht nicht nur ein Gitarrenverstärker, der durchaus Charakter besitzt, sondern auch den Ton und die Spielweise des jeweiligen Gitarristen ehrlich überträgt. Somit ist Idee mit „Your Signatur Amp“ gar nicht mehr soweit hergeholt, wie vielleicht am Anfang dieses Tests vermutet.

Plus

  • sehr variabel
  • eigener Sound/Charakter
  • Konzept, Idee, Umsetzung
  • dynamischer, straffer, ehrlicher und druckvoller Sound

Minus

  • Eckschoner etwas fragil
  • Potianzeige bei Bühnenlicht schlecht zu erkennen

Preis


Straßenpreis: 1749,- €
UVP: 2379,- €

Verweise





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